«Sie liess niemanden unberührt»
Liestal Podiumsgespräch über Helene Bossert und ihre «verhängnisvollen Reise» im DISTL

Über die «verhängnisvolle Reise» von Helene Bossert im Jahr 1953 ist schon viel geschrieben worden (auch in der ObZ). Die Zunzger Mundartdichterin und Radiomacherin sah sich in der damaligen antikommunistischen Stimmung in der Schweiz einer regelrechten «Hexenjagd» ausgesetzt, weil sie im Rahmen einer Frauendelegation die Sowjetunion besucht hatte. Im Podiumsgespräch von letzter Woche im DISTL ging es jedoch nicht um die Reisedetails – diese können sich Interessierte in aller Ruhe in der aktuellen Sonderausstellung zu Gemüte führen, wie Museumsmitarbeiterin Rea Köppel bemerkte. Stattdessen standen zwei Menschen im Zentrum, die aus erster Hand über die damaligen Vorgänge berichten konnten.
Urs Scholer ist in Zunzgen aufgewachsen und traf erstmals als Jugendlicher mit Helene Bossert zusammen. Das Gerede über sie war in vollem Gange und zahlreiche Gerüchte waren im Umlauf, und weil Urs Scholer und seine Kollegen nie um ein «Buebestreichli» verlegen waren, veranstalteten sie bei ihrem Haus einen «Klamauk», wie er es auf dem DISTL-Podium nannte. Was genau passiert war, konnte er nicht mehr genau rekonstruieren; ob es Schneebälle oder Steine waren, mit denen ihr Haus beworfen wurde, oder ein Strassenschild mit «Moskau einfach» überklebt wurde, darüber gehen die Erinnerungen auseinander. Jedenfalls mussten die Burschen bei Helene Bossert antraben und sich entschuldigen – und waren schwer von ihr beeindruckt. «Sie hat das sehr gut gemeistert und uns keinen Vorwurf gemacht», so Urs Scholer, «und uns von ihrer Reise erzählt und dass sie keine Kommunistin ist.» Als Person sei sie einzigartig und imposant gewesen, man habe Respekt vor ihr gehabt. «Helene Bossert liess niemanden unberührt», stellte Urs Scholer fest.
Einige Jahre später, als er von Zunzgen weggezogen war, begann er einen langjährigen Briefwechsel mit ihr, in dessen Verlauf sie ihm über 60 Gedichte und Büchlein schickte, «zum Teil von Hand geschrieben, zum Teil auf Maschine, aber immer von Hand unterschrieben». 40 Jahre später traf Urs Scholer sie ein letztes Mal persönlich, als sie im Altersheim war.
Eine weitere Erinnerung, die Urs Scholer teilte, handelte davon, dass er als 14-Jähriger mit seinen Mitschülern in die Aula gerufen wurde, wo sie ein gewisser Peter Sager – der kontroverse Gründer des Schweizerischen Ostinstituts – sie über die Gefahren des Kommunismus aufklärte.
Antikommunistische Stimmung im Kalten Krieg
Der zweite Podiumsgast, Franziska Genitsch, malte das Bild vom damaligen Zeitgeist mit weiteren Details aus. Ihre Mutter war die erste Präsidentin der «Basler Frauenvereinigung für Frieden und Fortschritt» (BFFF) und organisierte die Delegationsreise mit, an der auch Helene Bossert teilnahm. Im Gegensatz zu Bossert habe ihre Mutter aber keine «Hexenjagd» erlebt, was wohl auch mit dem Unterschied zwischen Dorf und Stadt zu tun gehabt habe. Die antikommunistische Stimmung des Kalten Krieges habe ihre Mutter natürlich trotzdem zu spüren bekommen, etwa als die Mitstudierenden ihr den Weg zum Hörsaal versperrt hätten und der Professor, an den sie sich hilfesuchend gewandt habe, nur zu ihr gesagt habe, dass er ihr nicht helfen könne. Die Eltern seien aber insgesamt besser gewappnet gewesen als Bossert, denn anders als diese seien sie Kommunisten gewesen und hätten diese Meinung bewusst vertreten.
Der Ausflug in die Sowjetunion im Jahr 1953 muss für die teilnehmenden Schweizer Frauen, von denen wohl die wenigsten je gross ins Ausland gereist waren, ein unvergleichliches Erlebnis gewesen sein. Für die Delegation seien «weltoffene» Frauen gesucht worden, betonte Franziska Genitsch, nicht etwa Anhängerinnen einer bestimmten politischen Richtung. Das Ziel sei die Völkerverständigung gewesen und für ihre Mutter sei es eindrücklich gewesen, das fremde Land kennen zu lernen und Kontakte mit den dortigen Frauen zu knüpfen: «Die Sowjetfrauen wollten sich der Welt kundtun und gegen den Kalten Krieg ankämpfen». Dabei seien sie nicht schönfärberisch gewesen, sondern hätten auch die Probleme aufgezeigt.
Sowohl Franziska Genitsch, als auch Urs Scholer sind auch selber mehrmals in die Sowjetunion gereist. Scholer, der privat und beruflich dort war, erinnert sich vor allem an riesige Einkaufshäuser mit fast leeren Regalen. Genitsch studierte in Moskau und war dort später als Reiseleiterin tätig. In den Läden habe es schon weniger Sachen gehabt, aber zumindest in Moskau seien keine Armut und keine Bettler zu sehen gewesen. «Von der Bevölkerung hat man ein gutes Lebensgefühl mitbekommen», sagte Franziska Genitsch, auch wenn der Lebensstandard viel tiefer als in der Schweiz gewesen sei.
Ukraine-Diskussion «auf Nebengeleise» gestellt
Das Podium kam im weiteren Verlauf auf den Ungarischen Volksaufstand von 1956 sowie den Zerfall der Sowjetunion zu sprechen. So war es naheliegend, dass Rea Köppel auch den heutigen Ukrainekrieg ansprach. Franziska Genitsch, die Mitglied der BFFF ist (die dem Verein «Schweizer Friedensbewegung» angehört) und an den letzten Grossratswahlen für die Partei der Arbeit kandidierte, vertrat hier eine Nato-kritische Haltung, wie es auch die diese Organisationen tun. Auf das Nachhaken von Rea Köppel, dass doch grundsätzlich Russland der Aggressor sei, entgegnete sie, dass dieser Schritt eine Antwort auf eine konkrete Aggression seitens der Nato gewesen sei.
An einem Polit-Podium wäre diese Aussage wohl nicht unkommentiert geblieben. Der DISTL-Anlass war aber kein politisches, sondern ein literarisches Podium, und so stellte Rea Köppel die sich anbahnende Ideologiediskussion schnell «auf einem Nebengeleise» ab. Auch als in der abschliessenden Fragerunde die einseitige Sicht der Medien auf den Ukrainekrieg kritisiert wurde, ging die versierte Moderatorin nicht näher darauf ein, regte aber an, dieses Votum als Anlass zur Selbstreflexion zu nehmen – wie es bestimmt auch im Sinne von Helene Bossert gewesen wäre. «Sie schwang nicht die Moralkeule», sagte Rea Köppel, «sondern wollte, dass die Leute darüber nachdenken, ob es auch eine andere Sicht auf eine Sache gibt.»
Die Sonderausstellung «Helene Bossert – Heimatdichtung und Hexenjagd» im «Dichter:innen- und Stadtmuseum Liestal» (DISTL) dauert noch bis zum 17. August 2025. Infos zum Begleitprogramm: distl.ch/veranstaltungen